Dieser Artikel über Jeremy Bentham erschien am 14.2.1998 im Hamburger Abendblatt.

Spaß macht, was nützlich ist und der Gemeinschaft dient

Von CARSTEN LILGE

"Die Natur hat die Menschen unter die Regierung zweier souveräner Herrscher gestellt - des Schmerzes und der Lust." Mit diesem Satz beginnt das Hauptwerk des vor 250 Jahren geborenen englischen Philosophen Jeremy Bentham über die "Prinzipien der Moral und der Gesetzgebung". Nach Benthams Prinzip der Nützlichkeit (Utility) sollte der Mensch jede Handlung daran messen, ob sie seine Lust steigert, was wiederum die Lust der Gesellschaft steigere. Das klingt nach Lustprinzip und Liberalismus in ihrer primitivsten Form: Eigennutz steigert das Gemeinwohl. Tatsächlich aber stellt der von Bentham begründete Utilitarismus den Gemeinsinn in den Mittelpunkt.
Bentham kam am 15. Februar 1748 in London als Sohn eines wohlhabenden Anwalts zur Welt. Als der kleine Jeremy kaum laufen konnte, fand der Vater ihn einmal am Schreibtisch über einer mehrbändigen Geschichte Englands, und bereits mit drei Jahren begann er Latein zu lernen. Heute würde man ihn als hochbegabtes Kind bezeichnen. Sein Vater entschied, daß der Junge ihm in der Anwaltslaufbahn folgen sollte und schickte ihn im Alter von zwölf Jahren zum Studium nach Oxford. Der junge Bentham aber war bald enttäuscht vom Jurastudium, ebenso von den Zuständen im alten England.
Das Land befand sich in dem als industrielle Revolution bezeichneten Umbruchsprozeß. Neue Produktionsweisen veränderten Wirtschaft und Gesellschaft in einem Tempo und mit einer Radikalität, die den Vergleich mit der heutigen Globalisierung nahelegen. In dem bis dahin agrarisch strukturierten England entstanden innerhalb weniger Jahrzehnte große Industriestädte. Das durch Bevölkerungsexplosion und Landflucht ständig wachsende Proletariat hatte jedoch wenig Aussicht auf sozialen Aufstieg, denn es gab kein allgemeines Bildungswesen, kaum Sozialfürsorge und keine politische Teilhabe. Trotz Modernisierung wurde die Politik wie seit Jahrhunderten von einer kleinen Oberschicht aus Adligen und Großgrundbesitzern bestimmt. Sie gestalteten die Gesetze in ihrem Sinn, beispielsweise mit den "Einhegungen", die das bis dahin von den Dorfgemeinden genutzte Land den Großgrundbesitzern zuschlugen. Ähnlich wie heute wurden die Reichen noch reicher, aber die kleinen Leute hatten am steigenden Volkseinkommen kaum Anteil. Wenn die Reichen sich überhaupt die Mühe einer Rechtfertigung machten, verwiesen sie auf Adam Smith.
Der Urvater des Liberalismus schrieb von der "unsichtbaren Hand", dank derer aus der Verfolgung der Einzelinteressen das Gemeinwohl entstehe. Noch heute verweisen Wirtschaftsliberale darauf. Vergessen wurde damals wie heute gern, daß Smith von einer "Mindestrücksicht" ausging, die aus Sympathie für andere Menschen und wohlverstandenem Eigeninteresse entstehe. Eben diese Aspekte betonte Bentham stärker. Legte beim Eigeninteresse die Betonung auf "wohlverstanden" und propagierte den "größtmöglichen Nutzen der größtmöglichen Zahl". Eine Handlung solle nach ihrer Wirkung auf die Gesellschaft beurteilt werden. Nur wenn sie die "Lust", besser das Glück aller Betroffenen steigere, sei sie gutzuheißen. Bentham war ein scharfer Kritiker der Zustände in England. Er machte beispielsweise Vorschläge zur Verbesserung der Armenpflege und für eine Parlamentsform. Das Wahlrecht sollte allgemein sein und nicht mehr vom Besitz abhängen, sondern von der Befähigung zum Lesen, also vom Bildungsgrad. Bildung für alle hielt Bentham für entscheidend, um die Verhältnisse zu bessern. Nur gebildete Menschen hätten das nötige Wissen, um ihr "wohlverstandenes", nämlich im Einklang mit der Gemeinschaft stehendes Eigeninteresse zu erkennen.
Bentham starb am 6. Juni 1832, zwei Tage nachdem eine auf seinen Ideen basierende Parlamentsreform angenommen worden war. In dem Jahrzehnte dauernden Kampf darum hatte die erste organisierte Volksbewegung der Geschichte Regierungen gestürzt und England an den Rand der Revolution gebracht. Bentham vermachte sein Vermögen der University of London, allerdings mit einer Auflage: Er wollte auch in Zukunft an jeder Sitzung des Direktoriums teilnehmen. Seinem skurrilen Testament entsprechend wurde sein Skelett mit einem Wachskopf versehen und mit Anzug, Stock und Hut ausstaffiert. 94 Jahre lang war er immer anwesend, bis man ihn ins Foyer umquartierte, wo er noch heute sitzt.
Bentham hatte die University of London zum Erben eingesetzt, weil ihre Gründer sich 1826 an seinen Ideen orientierten. Sie unterschied sich von den alten Universitäten durch einen neuen Fächerkanon und allgemeine Zugänglichkeit. Nicht zuletzt dem dort ansässigen Bentham-Projekt ist zu verdanken, daßder Utilitarismus vor allem im angelsächsischen Raum noch immer viel diskutiert wird. Aber auch für Deutschland wäre, beispielsweise im Streit um die Steuerreform, Benthams Hauptforderung eine gute Richtschnur: gerechte Gesetze. Sie seien das beste Mittel, um das Verhalten der Bürger im Sinne des Gemeinwohls zu fördern.
© Hamburger Abendblatt 14.2.1998


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