Spaß macht, was nützlich ist und der Gemeinschaft dient
Von CARSTEN LILGE
"Die Natur hat die Menschen unter die Regierung zweier souveräner
Herrscher gestellt - des Schmerzes und der Lust." Mit diesem Satz beginnt
das Hauptwerk des vor 250 Jahren geborenen englischen Philosophen Jeremy
Bentham über die "Prinzipien der Moral und der Gesetzgebung". Nach
Benthams Prinzip der Nützlichkeit (Utility) sollte der Mensch jede
Handlung daran messen, ob sie seine Lust steigert, was wiederum die Lust
der Gesellschaft steigere. Das klingt nach Lustprinzip und Liberalismus
in ihrer primitivsten Form: Eigennutz steigert das Gemeinwohl. Tatsächlich
aber stellt der von Bentham begründete Utilitarismus den Gemeinsinn
in den Mittelpunkt.
Bentham kam am 15. Februar 1748 in London als Sohn eines wohlhabenden
Anwalts zur Welt. Als der kleine Jeremy kaum laufen konnte, fand der Vater
ihn einmal am Schreibtisch über einer mehrbändigen Geschichte
Englands, und bereits mit drei Jahren begann er Latein zu lernen. Heute
würde man ihn als hochbegabtes Kind bezeichnen. Sein Vater entschied,
daß der Junge ihm in der Anwaltslaufbahn folgen sollte und schickte
ihn im Alter von zwölf Jahren zum Studium nach Oxford. Der junge Bentham
aber war bald enttäuscht vom Jurastudium, ebenso von den Zuständen
im alten England.
Das Land befand sich in dem als industrielle Revolution bezeichneten
Umbruchsprozeß. Neue Produktionsweisen veränderten Wirtschaft
und Gesellschaft in einem Tempo und mit einer Radikalität, die den
Vergleich mit der heutigen Globalisierung nahelegen. In dem bis dahin agrarisch
strukturierten England entstanden innerhalb weniger Jahrzehnte große
Industriestädte. Das durch Bevölkerungsexplosion und Landflucht
ständig wachsende Proletariat hatte jedoch wenig Aussicht auf sozialen
Aufstieg, denn es gab kein allgemeines Bildungswesen, kaum Sozialfürsorge
und keine politische Teilhabe. Trotz Modernisierung wurde die Politik wie
seit Jahrhunderten von einer kleinen Oberschicht aus Adligen und Großgrundbesitzern
bestimmt. Sie gestalteten die Gesetze in ihrem Sinn, beispielsweise mit
den "Einhegungen", die das bis dahin von den Dorfgemeinden genutzte Land
den Großgrundbesitzern zuschlugen. Ähnlich wie heute wurden
die Reichen noch reicher, aber die kleinen Leute hatten am steigenden Volkseinkommen
kaum Anteil. Wenn die Reichen sich überhaupt die Mühe einer Rechtfertigung
machten, verwiesen sie auf Adam Smith.
Der Urvater des Liberalismus schrieb von der "unsichtbaren Hand", dank
derer aus der Verfolgung der Einzelinteressen das Gemeinwohl entstehe.
Noch heute verweisen Wirtschaftsliberale darauf. Vergessen wurde damals
wie heute gern, daß Smith von einer "Mindestrücksicht" ausging,
die aus Sympathie für andere Menschen und wohlverstandenem Eigeninteresse
entstehe. Eben diese Aspekte betonte Bentham stärker. Legte beim Eigeninteresse
die Betonung auf "wohlverstanden" und propagierte den "größtmöglichen
Nutzen der größtmöglichen Zahl". Eine Handlung solle nach
ihrer Wirkung auf die Gesellschaft beurteilt werden. Nur wenn sie die "Lust",
besser das Glück aller Betroffenen steigere, sei sie gutzuheißen.
Bentham war ein scharfer Kritiker der Zustände in England. Er machte
beispielsweise Vorschläge zur Verbesserung der Armenpflege und für
eine Parlamentsform. Das Wahlrecht sollte allgemein sein und nicht mehr
vom Besitz abhängen, sondern von der Befähigung zum Lesen, also
vom Bildungsgrad. Bildung für alle hielt Bentham für entscheidend,
um die Verhältnisse zu bessern. Nur gebildete Menschen hätten
das nötige Wissen, um ihr "wohlverstandenes", nämlich im Einklang
mit der Gemeinschaft stehendes Eigeninteresse zu erkennen.
Bentham starb am 6. Juni 1832, zwei Tage nachdem eine auf seinen Ideen
basierende Parlamentsreform angenommen worden war. In dem Jahrzehnte dauernden
Kampf darum hatte die erste organisierte Volksbewegung der Geschichte Regierungen
gestürzt und England an den Rand der Revolution gebracht. Bentham
vermachte sein Vermögen der University of London, allerdings mit einer
Auflage: Er wollte auch in Zukunft an jeder Sitzung des Direktoriums teilnehmen.
Seinem skurrilen Testament entsprechend wurde sein Skelett mit einem Wachskopf
versehen und mit Anzug, Stock und Hut ausstaffiert. 94 Jahre lang war er
immer anwesend, bis man ihn ins Foyer umquartierte, wo er noch heute sitzt.
Bentham hatte die University of London zum Erben eingesetzt, weil ihre
Gründer sich 1826 an seinen Ideen orientierten. Sie unterschied sich
von den alten Universitäten durch einen neuen Fächerkanon und
allgemeine Zugänglichkeit. Nicht zuletzt dem dort ansässigen
Bentham-Projekt ist zu verdanken, daßder Utilitarismus vor allem
im angelsächsischen Raum noch immer viel diskutiert wird. Aber auch
für Deutschland wäre, beispielsweise im Streit um die Steuerreform,
Benthams Hauptforderung eine gute Richtschnur: gerechte Gesetze. Sie seien
das beste Mittel, um das Verhalten der Bürger im Sinne des Gemeinwohls
zu fördern.
© Hamburger Abendblatt 14.2.1998
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