Die Symbolfigur
Das Attentat auf Rudi Dutschke heizte vor 30 Jahren die Studentenbewegung weiter an. Es kamen unruhige Zeiten.
Von CARSTEN LILGE
Am 11. April 1968, Gründonnerstag, überquert ein schmächtiges
Kerlchen den Berliner Kurfürstendamm und spricht einen Mann an, der
gerade auf einem Fahrrad vor der SDS-Zentrale angekommen ist: "Sind sie
Rudi Dutschke?" "Ja." "Du dreckiges Kommunistenschwein!" ruft der mehrfach
vorbestrafte Arbeiter Josef Bachmann. Mit drei Schüssen streckt er
den bekanntesten Sprecher der Studentenbewegung nieder. Das Attentat auf
Dutschke löst die gewalttätigsten Unruhen aus, die es bis dahin
in der Bundesrepublik gegeben hat. Elf Jahre später stirbt Dutschke
an den Folgen des Anschlags. Bis heute gilt er als die Symbolfigur der
deutschen 68er.
"Ich habe einen Volkstribun erwartet mit geschliffener Rhetorik, der
weniger er selbst ist, sondern eher eine Rolle spielt. Ich habe in Rudi
Dutschke einen Genossen kennengelernt, der schlicht freundlich war, der
zuhören konnte und bereit war, auf Argumente einzugehen. Sicher, auf
dem Podium kämpfte er für seine Positionen, aber ohne Tricks,
einfach so." Mit diesen Worten beschrieb SPD-Kanzlerkandidat Gerhard Schröder,
damals Bundesvorsitzender der Jusos, in der Parteizeitung "Vorwärts"
Dutschke anläßlich seines Todes Weihnachten 1979. Wie Schröder
ging es vielen; sie hatten eine Meinung über ihn, ohne ihn zu kennen.
So blieb ein Bild, das sich weitgehend aus der Berichterstattung in
den Medien zusammensetzte: der Studentenführer, der aufpeitschende
Redner, der Agitator der Außerparlamentarischen Opposition (APO),
der eine Demonstration nach der anderen organisierte und immer vornean
marschierte. Es war eine Zeit, in der noch klare Feindbilder die Politik
beherrschten.
Da gab es Zeitungsstimmen, die ihn zu den "Feinden der Demokratie"
zählten. Manche Bürger nahmen das wörtlich. Bei einer Demonstration
der "Wahren Berliner" ging die Menge auf einen Mann los, den sie für
Dutschke hielt und schlug ihn zusammen. Auch der rechtsradikale Attentäter
Bachmann sagte, er sei von dieser Stimmung beeinflußt worden, während
manche Psychologen eher den Geltungsdrang eines zu kurz Gekommenen am Werk
sahen. Dutschke war für so einen Menschen das ideale Opfer, denn niemand
in der Studentenbewegung zog so die Aufmerksamkeit auf sich. Rudolf Augstein
sah in Dutschke einen Redner, "wie es außer Strauß und Wehner
in Deutschland seit 1945 keinen mehr gegeben hat". Und das, obwohl er oft
erschreckend umständlich sprach: "Wenn wir es schaffen, den Transformationsprozeß
als Prozeßder Bewußtwerdung der an der Bewegung Beteiligten
zu strukturieren, werden die bewußtseinsmäßigen Voraussetzungen
geschaffen, die es verunmöglichen, daß die Eliten uns manipulieren."
Es war mehr seine Art, mit seinem ganzen Körper, seinem ganzen Wesen
zu reden, was die Menschen faszinierte, eine Ausstrahlung von Direktheit.
Und direkt formulieren konnte er auch: "Die unfähigen und impotenten
Politiker der Bundesrepublik und West-Berlins können noch soviel beschließen,
die antiautoritären Gruppen lassen sich nicht von ihrem Kampf gegen
autoritär-faschistoide Tendenzen in unserer Gesellschaft abbringen."
Um den Kampf gegen diese alten, von ihnen als Überbleibsel der
Nazizeit empfundenen Gesellschaftsstrukturen ging es vielen Studenten damals
vor allem. Und ganz falsch lagen sie nicht, wie Spruchbänder der "Wahren
Berliner" zeigten: "Bei Adolf wäre das nicht passiert" und "Politische
Feinde ins KZ". Der APO, bei der Dutschke ebenfalls in vorderster Reihe
stand, galten die auch als Reaktion auf die Studentenunruhen beschlossenen
Notstandsgesetze als erster Schritt zur Aushebelung der Grundrechte wie
unter Hitler. Dutschkes Weg zum Wortführer einer gegen Autoritäten
gerichteten Bewegung begann in der DDR. Bei seinem ersten öffentlichen
Auftritt, in der Aula seiner Schule in Luckenwalde, sagte er, übrigens
ganz höflich, daß er nicht in der Nationalen Volksarmee dienen
werde. Zum Dank schrieb der Schulleiter ins Abiturzeugnis "inaktive gesellschaftliche
Haltung". Das erträumte Studium war damit gestorben. Dutschke ging
nach West-Berlin, wo er kurz nach dem 13. August 1961 versuchte, ein Stück
der Mauer einzureißen. Der Versuch scheiterte, aber - das ist weitgehend
unbekannt - die deutsche Einheit war ein großer Traum Dutschkes,
anders als für manche anderen seiner Generation.
Dutschkes anderes großes Anliegen war der Sozialismus, doch nicht
etwa, wie viele glaubten, der real existierende. Dutschke: "Von der Elbe
bis Sibirien ist alles real, bloß nicht der Sozialismus." Auf dem
Weg zu seinen Zielen waren ihm viele Mittel recht, eines aber nicht: Terrorismus.
Zwar sah er die RAF-Mitglieder als Genossen, aber, so seine Frau Gretchen
in ihren Memoiren: "Rudi lehnte die politische Taktik der RAF und den Terrorismus
ab." In einem Briefentwurf schrieb er: "Regierung . . . und RAF-Kacke .
. . scheinen verheiratet zu sein, um den politischen Klassenkampf zu hemmen."
Schwer verständlich daher, daß Dutschke 1974 am Grab des Terroristen
Holger Meins mit erhobener Faust rief: "Holger, der Kampf geht weiter."
Laut seiner Frau war Wut der Auslöser, geweckt durch den Medienrummel
am Grab.
Gerade das Attentat auf Dutschke war für die erste Generation
der RAF der Auslöser gewesen, in den Untergrund zu gehen: Ulrike Meinhof,
Andreas Baader, Gudrun Ensslin. Während sie meinten, nur Gewalt helfe,
schrieb Dutschke Briefe an den Attentäter. Er versuchte ihm sozialistische
Denkweise klarzumachen und rief ihn auf: "Der antiautoritäre Sozialismus
steht auch noch für Dich da." Im Februar 1970 beging Josef Bachmann
Selbstmord. Dutschke hat das nicht gefreut. Schon als er nach dem Attentat
von einem Genesungsaufenthalt in Italien zurückkehrte, und Carlino
Feltrinelli, der Sohn seines italienischen Verlegers, sagte: "Jetzt fährst
du nach Deutschland zurück und mit einem Maschinengewehr legst du
ihn um - tatatata.", antwortete der oft genug hetzerische Dutschke: "Nein
Carlino, es ist viel besser, zu verzeihen."
© Hamburger Abendblatt 6.4.1998
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