Dieser Artikel über Rudi Dutschke erschien am 6.4.1998 im Hamburger Abendblatt.

Die Symbolfigur

Das Attentat auf Rudi Dutschke heizte vor 30 Jahren die Studentenbewegung weiter an. Es kamen unruhige Zeiten.

Von CARSTEN LILGE

Am 11. April 1968, Gründonnerstag, überquert ein schmächtiges Kerlchen den Berliner Kurfürstendamm und spricht einen Mann an, der gerade auf einem Fahrrad vor der SDS-Zentrale angekommen ist: "Sind sie Rudi Dutschke?" "Ja." "Du dreckiges Kommunistenschwein!" ruft der mehrfach vorbestrafte Arbeiter Josef Bachmann. Mit drei Schüssen streckt er den bekanntesten Sprecher der Studentenbewegung nieder. Das Attentat auf Dutschke löst die gewalttätigsten Unruhen aus, die es bis dahin in der Bundesrepublik gegeben hat. Elf Jahre später stirbt Dutschke an den Folgen des Anschlags. Bis heute gilt er als die Symbolfigur der deutschen 68er.
"Ich habe einen Volkstribun erwartet mit geschliffener Rhetorik, der weniger er selbst ist, sondern eher eine Rolle spielt. Ich habe in Rudi Dutschke einen Genossen kennengelernt, der schlicht freundlich war, der zuhören konnte und bereit war, auf Argumente einzugehen. Sicher, auf dem Podium kämpfte er für seine Positionen, aber ohne Tricks, einfach so." Mit diesen Worten beschrieb SPD-Kanzlerkandidat Gerhard Schröder, damals Bundesvorsitzender der Jusos, in der Parteizeitung "Vorwärts" Dutschke anläßlich seines Todes Weihnachten 1979. Wie Schröder ging es vielen; sie hatten eine Meinung über ihn, ohne ihn zu kennen.
So blieb ein Bild, das sich weitgehend aus der Berichterstattung in den Medien zusammensetzte: der Studentenführer, der aufpeitschende Redner, der Agitator der Außerparlamentarischen Opposition (APO), der eine Demonstration nach der anderen organisierte und immer vornean marschierte. Es war eine Zeit, in der noch klare Feindbilder die Politik beherrschten.
Da gab es Zeitungsstimmen, die ihn zu den "Feinden der Demokratie" zählten. Manche Bürger nahmen das wörtlich. Bei einer Demonstration der "Wahren Berliner" ging die Menge auf einen Mann los, den sie für Dutschke hielt und schlug ihn zusammen. Auch der rechtsradikale Attentäter Bachmann sagte, er sei von dieser Stimmung beeinflußt worden, während manche Psychologen eher den Geltungsdrang eines zu kurz Gekommenen am Werk sahen. Dutschke war für so einen Menschen das ideale Opfer, denn niemand in der Studentenbewegung zog so die Aufmerksamkeit auf sich. Rudolf Augstein sah in Dutschke einen Redner, "wie es außer Strauß und Wehner in Deutschland seit 1945 keinen mehr gegeben hat". Und das, obwohl er oft erschreckend umständlich sprach: "Wenn wir es schaffen, den Transformationsprozeß als Prozeßder Bewußtwerdung der an der Bewegung Beteiligten zu strukturieren, werden die bewußtseinsmäßigen Voraussetzungen geschaffen, die es verunmöglichen, daß die Eliten uns manipulieren." Es war mehr seine Art, mit seinem ganzen Körper, seinem ganzen Wesen zu reden, was die Menschen faszinierte, eine Ausstrahlung von Direktheit. Und direkt formulieren konnte er auch: "Die unfähigen und impotenten Politiker der Bundesrepublik und West-Berlins können noch soviel beschließen, die antiautoritären Gruppen lassen sich nicht von ihrem Kampf gegen autoritär-faschistoide Tendenzen in unserer Gesellschaft abbringen."
Um den Kampf gegen diese alten, von ihnen als Überbleibsel der Nazizeit empfundenen Gesellschaftsstrukturen ging es vielen Studenten damals vor allem. Und ganz falsch lagen sie nicht, wie Spruchbänder der "Wahren Berliner" zeigten: "Bei Adolf wäre das nicht passiert" und "Politische Feinde ins KZ". Der APO, bei der Dutschke ebenfalls in vorderster Reihe stand, galten die auch als Reaktion auf die Studentenunruhen beschlossenen Notstandsgesetze als erster Schritt zur Aushebelung der Grundrechte wie unter Hitler. Dutschkes Weg zum Wortführer einer gegen Autoritäten gerichteten Bewegung begann in der DDR. Bei seinem ersten öffentlichen Auftritt, in der Aula seiner Schule in Luckenwalde, sagte er, übrigens ganz höflich, daß er nicht in der Nationalen Volksarmee dienen werde. Zum Dank schrieb der Schulleiter ins Abiturzeugnis "inaktive gesellschaftliche Haltung". Das erträumte Studium war damit gestorben. Dutschke ging nach West-Berlin, wo er kurz nach dem 13. August 1961 versuchte, ein Stück der Mauer einzureißen. Der Versuch scheiterte, aber - das ist weitgehend unbekannt - die deutsche Einheit war ein großer Traum Dutschkes, anders als für manche anderen seiner Generation.
Dutschkes anderes großes Anliegen war der Sozialismus, doch nicht etwa, wie viele glaubten, der real existierende. Dutschke: "Von der Elbe bis Sibirien ist alles real, bloß nicht der Sozialismus." Auf dem Weg zu seinen Zielen waren ihm viele Mittel recht, eines aber nicht: Terrorismus. Zwar sah er die RAF-Mitglieder als Genossen, aber, so seine Frau Gretchen in ihren Memoiren: "Rudi lehnte die politische Taktik der RAF und den Terrorismus ab." In einem Briefentwurf schrieb er: "Regierung . . . und RAF-Kacke . . . scheinen verheiratet zu sein, um den politischen Klassenkampf zu hemmen." Schwer verständlich daher, daß Dutschke 1974 am Grab des Terroristen Holger Meins mit erhobener Faust rief: "Holger, der Kampf geht weiter." Laut seiner Frau war Wut der Auslöser, geweckt durch den Medienrummel am Grab.
Gerade das Attentat auf Dutschke war für die erste Generation der RAF der Auslöser gewesen, in den Untergrund zu gehen: Ulrike Meinhof, Andreas Baader, Gudrun Ensslin. Während sie meinten, nur Gewalt helfe, schrieb Dutschke Briefe an den Attentäter. Er versuchte ihm sozialistische Denkweise klarzumachen und rief ihn auf: "Der antiautoritäre Sozialismus steht auch noch für Dich da." Im Februar 1970 beging Josef Bachmann Selbstmord. Dutschke hat das nicht gefreut. Schon als er nach dem Attentat von einem Genesungsaufenthalt in Italien zurückkehrte, und Carlino Feltrinelli, der Sohn seines italienischen Verlegers, sagte: "Jetzt fährst du nach Deutschland zurück und mit einem Maschinengewehr legst du ihn um - tatatata.", antwortete der oft genug hetzerische Dutschke: "Nein Carlino, es ist viel besser, zu verzeihen."
© Hamburger Abendblatt 6.4.1998


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