Die qualvolle Reise nach Palästina Stationen zur Gründung Israels
Von CARSTEN LILGE
Am 29. August 1897 hißte ein Mann mit kahler Stirn und Kinnbart
über dem Kleinen Kasino in Basel eine bisher unbekannte Flagge: Auf
blauem Grund prangte ein weißer Davidsstern. Dann bestieg der Mann
mit Namen Isidor Schalit im großen Saal die Rednertribüne und
verkündete feierlich: "Der erste zionistische Kongreßist eröffnet."
Dieser Kongreßwar die erste Versammlung jüdischer Delegierter
aus aller Welt nach 2000 Jahren Exil. Er sollte auf die Lage der Juden
hinweisen und eine Lösung der "jüdischen Frage" vorschlagen.
Die 202 Delegierten faßten die bedeutsamste Entschließung der
modernen jüdischen Geschichte: "Der Zionismus erstrebt für das
jüdische Volk die Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten
Heimstätte in Palästina." Mit diesen knappen Worten wurde kein
geringeres Ziel angepeilt, als das Ende der "Diaspora", der Zerstreuung
der Juden in alle Welt.
Angeregt hatte den Kongreß der Wiener Journalist Theodor Herzl
mit seinem Anfang 1896 veröffentlichten Buch "Der Judenstaat". Herzl
war bis dahin ein typisch westeuropäischer Jude gewesen: Sein Judentum
bedeutete ihm nicht viel, weder als Religion noch als kultureller Hintergrund,
geschweige denn als nationale Zugehörigkeit. "Die Judenfrage lauerte
mir natürlich an allen Ecken und Enden auf. Ich seufzte und spöttelte
darüber, fühlte mich unglücklich, war aber doch nicht recht
davon ergriffen, obwohl ich einen Judenroman schreiben wollte." Herzl hielt
die Assimilation für die einzige Lösung. 1893 schrieb er: "Darum
müßte man die Judenbuben taufen. Untertauchen im Volk!"
Noch Anfang Oktober 1894 lehnte Herzl die von den jüdischen Denkern
Moses Hess und Leon Pinsker vertretenen Auswanderungsideen ab. Ende des
Monats aber platzten seine unterbewußt gehegten Empfindungen heraus.
"Wie in einem Rausch", schrieb Herzl das Theaterstück "Das Ghetto",
dessen letzter Satz lautet: "Ich will hinaus. Hinaus aus dem Ghetto!" Aber
er hatte noch keine Lösung, nur das Problem brannte ihm unter den
Nägeln.
Kurz nachdem Herzl "Das Ghetto" beendet hatte, wurde die Affäre
um den als Spion beschuldigten jüdischen Offizier Alfred Dreyfus das
beherrschende Thema in Paris, wo Herzl als Korrespondent arbeitete. Ausgerechnet
in dem von Herzl als "Gefäß, in welchem politische Neuerungen
für die ganze Kulturwelt brodeln", verehrten Frankreich kam es zu
antisemitischen Ausbrüchen. Assimilation schien Herzl danach unmöglich:
"Wer da glaubt, daß die Judenhetze eine vorübergehende Mode
sei, irrt schwer. Es muß aus tiefen Gründen immer schlimmer
werden."
Einige Monate später, um Pfingsten 1895, begann Herzl ein Tagebuch
unter dem Titel "Die Judensache", in dem er sein Programm entwarf: Auswanderung.
"Wie ich von den Romanideen zu den praktischen kam, ist mir jetzt schon
ein Räthsel, obwohl das in den letzte Wochen liegt. Das spielt im
Unbewußten." Herzl wandte sich mit einem Brief an den Baron Hirsch,
der seit Jahren ein Auswanderungsprogramm nach Argentinien finanzierte:
"Sehr geehrter Herr! Wann kann ich die Ehre haben, Sie zu besuchen! Ich
wünsche nur mit Ihnen ein judenpolitisches Gespräch zu führen,
das vielleicht in eine Zeit hinauswirken wird, wo weder Sie noch ich da
sein werden." Diese Direktheit und die Überzeugung von der Wichtigkeit
seines Anliegens waren damals typisch für Herzl: "Aber seit Tagen
und Wochen füllt es mich aus bis in die Bewußtlosigkeit hinein,
begleitet mich überall hin, schwebt über meinen gewöhnlichen
Gesprächen, blickt mir über die Schulter in die komisch kleine
Journalistenarbeit." So war es nicht verwunderlich, daßder völlig
mit seiner Idee beschäftigte Herzl keinen Weg zu Hirsch fand, über
dessen Arbeit er sich nicht einmal richtig informiert hatte.
Als nächstes wollte er sich an die Rothschilds wenden, die bekanntesten
und reichen Juden. Dabei sollte ihm der Wiener Oberrabiner Moritz Güdemann
helfen. Herzl schrieb Güdemann: "Ich habe die Lösung der Judenfrage."
Aber so sicher, wie das klang, war Herzl sich gar nicht. Am nächsten
Tag schickte er einen zweiten Brief, in dem er Güdemann bat, ihn nicht
für übergeschnappt zu halten. Diesem schickte er wiederum ein
Telegramm hinterher mit der Bitte, den zweiten Brief nicht zu öffnen.
Diese Verwirrung entstand durch ein Gespräch mit dem befreundeten
Arzt Emil Schiff. Der hielt "den Plan für eine Ausgeburt eines überreizten
Gehirnes", was eigene Sorgen Herzls bekräftigte. Herzl gewann jedoch
sein Selbstvertrauen wieder, als er bei der Abrechnung einiger Quittungen
richtige Ergebnisse hatte, während Schiff sich dauernd verrechnete.
Der Rothschild-Plan scheiterte, ebenso andere Versuche. Schließlich
fand Herzl Unterstützung bei dem Intellektuellen Max Nordau. Nordau
"empfiehlt mich nach London an den Maccabean Club." Dort lernte Herzl zum
erstenmal ein selbstbewußtes Judentum kennen: "Hier empfand ich stark,
daß das Jüdische nicht lächerlich zu sein braucht wie bei
uns, wo wir in unseren Gebräuchen muthlos geworden sind." Die Engländer
bestärkten ihn in seinen Plänen, und nun trat Palästina
als Ziel in den Mittelpunkt. Ein Gesprächspartner sagte: "Sie sind
der Mann, sie zu führen. Sie müssen der Märtyrer dieser
Idee sein."
Von seinen Freunden bestärkt, veröffentlichte Herzl "Der
Judenstaat" und begann den zionistischen Kongreß zu organisieren.
Dabei hatte er große Widerstände zu überwinden, insbesondere
bei den orthodoxen Juden. Sie wollten für eine Rückkehr nach
Zion auf den Messias warten und lehnen den Staat Israel zumeist heute noch
ab. Herzl war es auch zu verdanken, daßder Kongreßein Erfolg
wurde. Mit Organisationgeschick sorgte er für einen würdigen
Rahmen, und mit seiner Persönlichkeit riß er die Delegierten
mit. Ein Augenzeuge: "Das war nicht mehr der elegante Dr. Herzl aus Wien,
sondern ein königlicher Sproß aus dem Haus Davids. Jeder saß
atemlos wie vor einem Wunder . . . Dann brach stürmischer Beifall
los, volle 15 Minuten lang klatschten die Delegierten in die Hände,
schrien und winkten mit Taschentüchern." Herzl schrieb danach in sein
Tagebuch: "In Basel habe ich den Judenstaat gegründet. Wenn ich das
heute laut sagte, würde mir ein universelles Gelächter antworten.
Vielleicht in fünf Jahren, jedenfalls in 50 wird es jeder einsehen."
Prophetie oder nicht, aber die Abstimmung, in der sich die UNO-Vollversammlung
für die Errichtung eines jüdischen Staates aussprach, fand am
29. November 1947, genau 50 Jahre und drei Monate nach Beginn des ersten
Zionistenkongresses, statt.
Der 9. zionistische Weltkongreß übrigens, der einzige auf
deutschen Boden, fand 1909 in Hamburg statt. Chaim Weizman leitete damals
die Versammlung. Er wurde später Präsident des zionistischen
Weltkongresses und war dann maßgeblich an der Gründung des Staates
Israels beteiligt. Sein Neffe Ezer Weizman ist heute Präsident Israels.
© Hamburger Abendblatt 29.8.1997
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