Diese Rezension über ein provokantes Buch des US-Historikers John Lukacs über Hitler erschien am 12. September 1998 in der Hannoverschen Allgemeinen.

Lukacs


Hitler - Langzeitthema nicht nur für Deutschland. US-Historiker verschafft Überblick. (Das war meine Überschrift; die Hannoversche Allgemeine wählte eine andere.)

Von Carsten Lilge

Die Zahl der Bücher über Hitler ist längst unüberschaubar, besonders für allgemein interessierte Leser. Das Buch des US-Historikers John Lukacs über die Entwicklung der Hitler-Geschichtsschreibung ist ein guter Leitfaden für Laien und Studenten. Auch Fachleute werden darin viele anregende Gedanken zur Person Hitler und seiner Bedeutung für die Geschichte unseres Jahrhunderts finden.
Lukacs erklärt die Probleme der Forschung sehr einleuchtend und auch für den Laien verständlich. Sehr zu loben ist Lukacs Darstellung, wie aus dem Amateurhistoriker David Irving ein Hitlerverherrlicher und Holocaust-Leugner wurde. Der Historikerstreit wird, meines Wissens zum erstenmal, allgemeinverständlich erläutert. Die vielen und teilweise sehr langen Fußnoten mögen manchen Laien abschrecken. Aber es lohnt sich, diese Hürde zu nehmen.
Im allgemeinen Sprachgebrauch ist es ein häufiges Mißverständnis, Verstehen mit Akzeptieren gleichzusetzen; niemand aber wird Lukacs eine Verteidigung oder gar Rechtfertigung Hitlers unterstellen, wenn er versucht, den Diktator und dessen Faszination auf die Menschen seiner Zeit zu verstehen. Da Lukacs Hitler klar verurteilt, kann er es sich leisten, dessen unbestreitbare Fähigkeiten darzustellen und sogar die brauchbaren Gedanken aus dem Werk so zweifelhafter, weil in Richtung Rehabilitierung tendierender Autoren wie Zitelmann oder Nolte herauszufiltern.
Vor allem im Kapitel über Hitler als Staatsmann und Stratege leistet Lukacs ein gutes Stück Entdämonisierung. "Alarmierend effektiv" nennt er Hitler, der spätestens 1942 gewußt habe, daß er keinen Sieg mehr erringen konnte. All sein Streben habe nun darauf gezielt, einen Gegner aus der Allianz herauszubrechen, um zu einem Verhandlungsfrieden zu kommen. Der Glaube an diese Möglichkeit sei jedoch, neben dem Angriff auf Polen, Hitlers größte Fehleinschätzung gewesen. Hitler besaß "sowohl politische wie auch militärische Begabungen, die neben seinen oft fanatischen Zwangsvorstellungen bestanden."
Der Fanatismus bleibt das letztlich unlösbare Rätsel in Hitlers Wesen, vor allem der Judenhaß. Wo immer sich dieser Fanatismus entwickelt habe, ob in Wien oder München, nach Lukacs Meinung war der Haß, und nicht nur auf die Juden, Hitlers stärkste Triebfeder. So war "sein Haß gegen seine Widersacher stärker und konkreter als seine Liebe für sein Volk."
Hitler sei ein "populistischer Revolutionär in einem demokratischen Zeitalter" gewesen. Es fand sich in seinem Verständnis von Staat durchaus ein demokratischer Teil im Sinne der Herrschaft des Willens der Mehrheit. Diese These wird möglicherweise einigen Widerspruch hervorrufen, gilt Hitler vielen doch als Unterdrücker. Aber Tatsache bleibt, daß er die meisten Deutschen gar nicht unterdrücken mußte. Lukacs verweist auf die breite Zustimmung für Hitler, die sich nicht nur am weitgehenden Fehlen eines Widerstands oder an Abstimmungsergebnisen ablesen läßt. Viel frappierender manifestiere sie sich in der außergewöhnlichen Steigerung der Zahl der Eheschließungen und Geburten 1938/39 bei einem gleichzeitigen und ebenso außergewöhnlichen Rückgang der Selbstmorde - die Deutschen hätten sich in ihrer Mehrzahl wohlgefühlt und Vertrauen in die Zukunft gehabt.
Ebenso kann Lukacs Ansicht zu Kontroversen führen, Hitler sei ein typisches Phänomen unserer Zeit: "Im Laufe des 20. Jahrhunderts wurde die Verbindung von Nationalismus und Sozialismus eine fast universale Praxis aller Staaten der Welt". Es war mehr als nur "Hitlerismus", also ein von der Person erzeugtes, von ihr abhängiges und somit auch mit ihr gestorbenes Phänomen. Der Nationalsozialismus sei Ausdrucksform eines weltweiten, in allen Völkern latenten Strebens nach nationaler Geschlossenheit und sozialer Sicherheit, letztlich Geborgenheit.
Das Buch enthält zu viele anregende Gedanken, um sie hier wiederzugeben. Zu bemängeln ist jedoch, daß Lukacs, der anderen oft ungenaues Arbeiten vorwirft, selbst nicht immer akkurat ist. Des öfteren zitiert er andere Historiker, indem er auf einen diese zitierenden anderen Autor verweist. Und dies geschieht keineswegs bei schwer zugänglichen Werken, wo es verzeihbar wäre, sondern beispielsweise bei einem Autor wie Haffner, den Lukacs dann auch noch ausgerechnet mit Verweis auf den von ihm selbst als zweifelhaft eingestuften Zitelmann zitiert. Ebenso reicht es nicht, wie oft in den Fußnoten zu finden, eine andere Meinung einfach als "falsch" zu qualifizieren. Es muß schon eine Begründung folgen. Beides sind - leider - typische Sünden altgewordener Historiker; ist ihnen die Arbeit, den Beleg zu liefern, zuviel oder handelt es sich um eine Form von Altersstarrsinn? Das sind jedoch Ausnahmen, die Autor und Verlag zwar hätten vermeiden können, die aber den hohen Erkenntnisgewinn dieses Buches nicht schmälern.

John Lukacs. Hitler. Geschichte und Geschichtsschreibung. Aus dem Amerikanischen von Helmut Dierlamm und Norbert Juraschitz. Luchterhand Literaturverlag, München 1997; 370 S., 48 DM

Erschien in der Hannoverschen Allgemeinen

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