Hitler - Langzeitthema nicht nur für Deutschland. US-Historiker verschafft Überblick. (Das war meine Überschrift; die Hannoversche Allgemeine wählte eine andere.)
Von Carsten Lilge
Die Zahl der Bücher über Hitler ist längst unüberschaubar,
besonders für allgemein interessierte Leser. Das Buch des US-Historikers
John Lukacs über die Entwicklung der Hitler-Geschichtsschreibung ist
ein guter Leitfaden für Laien und Studenten. Auch Fachleute werden
darin viele anregende Gedanken zur Person Hitler und seiner Bedeutung für
die Geschichte unseres Jahrhunderts finden.
Lukacs erklärt die Probleme der Forschung sehr einleuchtend und
auch für den Laien verständlich. Sehr zu loben ist Lukacs Darstellung,
wie aus dem Amateurhistoriker David Irving ein Hitlerverherrlicher und
Holocaust-Leugner wurde. Der Historikerstreit wird, meines Wissens zum
erstenmal, allgemeinverständlich erläutert. Die vielen und teilweise
sehr langen Fußnoten mögen manchen Laien abschrecken. Aber es
lohnt sich, diese Hürde zu nehmen.
Im allgemeinen Sprachgebrauch ist es ein häufiges Mißverständnis,
Verstehen mit Akzeptieren gleichzusetzen; niemand aber wird Lukacs eine
Verteidigung oder gar Rechtfertigung Hitlers unterstellen, wenn er versucht,
den Diktator und dessen Faszination auf die Menschen seiner Zeit zu verstehen.
Da Lukacs Hitler klar verurteilt, kann er es sich leisten, dessen unbestreitbare
Fähigkeiten darzustellen und sogar die brauchbaren Gedanken aus dem
Werk so zweifelhafter, weil in Richtung Rehabilitierung tendierender Autoren
wie Zitelmann oder Nolte herauszufiltern.
Vor allem im Kapitel über Hitler als Staatsmann und Stratege leistet
Lukacs ein gutes Stück Entdämonisierung. "Alarmierend effektiv"
nennt er Hitler, der spätestens 1942 gewußt habe, daß
er keinen Sieg mehr erringen konnte. All sein Streben habe nun darauf gezielt,
einen Gegner aus der Allianz herauszubrechen, um zu einem Verhandlungsfrieden
zu kommen. Der Glaube an diese Möglichkeit sei jedoch, neben dem Angriff
auf Polen, Hitlers größte Fehleinschätzung gewesen. Hitler
besaß "sowohl politische wie auch militärische Begabungen, die
neben seinen oft fanatischen Zwangsvorstellungen bestanden."
Der Fanatismus bleibt das letztlich unlösbare Rätsel in Hitlers
Wesen, vor allem der Judenhaß. Wo immer sich dieser Fanatismus entwickelt
habe, ob in Wien oder München, nach Lukacs Meinung war der Haß,
und nicht nur auf die Juden, Hitlers stärkste Triebfeder. So war "sein
Haß gegen seine Widersacher stärker und konkreter als seine
Liebe für sein Volk."
Hitler sei ein "populistischer Revolutionär in einem demokratischen
Zeitalter" gewesen. Es fand sich in seinem Verständnis von Staat durchaus
ein demokratischer Teil im Sinne der Herrschaft des Willens der Mehrheit.
Diese These wird möglicherweise einigen Widerspruch hervorrufen, gilt
Hitler vielen doch als Unterdrücker. Aber Tatsache bleibt, daß
er die meisten Deutschen gar nicht unterdrücken mußte. Lukacs
verweist auf die breite Zustimmung für Hitler, die sich nicht nur
am weitgehenden Fehlen eines Widerstands oder an Abstimmungsergebnisen
ablesen läßt. Viel frappierender manifestiere sie sich in der
außergewöhnlichen Steigerung der Zahl der Eheschließungen
und Geburten 1938/39 bei einem gleichzeitigen und ebenso außergewöhnlichen
Rückgang der Selbstmorde - die Deutschen hätten sich in ihrer
Mehrzahl wohlgefühlt und Vertrauen in die Zukunft gehabt.
Ebenso kann Lukacs Ansicht zu Kontroversen führen, Hitler sei
ein typisches Phänomen unserer Zeit: "Im Laufe des 20. Jahrhunderts
wurde die Verbindung von Nationalismus und Sozialismus eine fast universale
Praxis aller Staaten der Welt". Es war mehr als nur "Hitlerismus", also
ein von der Person erzeugtes, von ihr abhängiges und somit auch mit
ihr gestorbenes Phänomen. Der Nationalsozialismus sei Ausdrucksform
eines weltweiten, in allen Völkern latenten Strebens nach nationaler
Geschlossenheit und sozialer Sicherheit, letztlich Geborgenheit.
Das Buch enthält zu viele anregende Gedanken, um sie hier wiederzugeben.
Zu bemängeln ist jedoch, daß Lukacs, der anderen oft ungenaues
Arbeiten vorwirft, selbst nicht immer akkurat ist. Des öfteren zitiert
er andere Historiker, indem er auf einen diese zitierenden anderen Autor
verweist. Und dies geschieht keineswegs bei schwer zugänglichen Werken,
wo es verzeihbar wäre, sondern beispielsweise bei einem Autor wie
Haffner, den Lukacs dann auch noch ausgerechnet mit Verweis auf den von
ihm selbst als zweifelhaft eingestuften Zitelmann zitiert. Ebenso reicht
es nicht, wie oft in den Fußnoten zu finden, eine andere Meinung
einfach als "falsch" zu qualifizieren. Es muß schon eine Begründung
folgen. Beides sind - leider - typische Sünden altgewordener Historiker;
ist ihnen die Arbeit, den Beleg zu liefern, zuviel oder handelt es sich
um eine Form von Altersstarrsinn? Das sind jedoch Ausnahmen, die Autor
und Verlag zwar hätten vermeiden können, die aber den hohen Erkenntnisgewinn
dieses Buches nicht schmälern.
John Lukacs. Hitler. Geschichte und Geschichtsschreibung. Aus dem Amerikanischen von Helmut Dierlamm und Norbert Juraschitz. Luchterhand Literaturverlag, München 1997; 370 S., 48 DM
Erschien in der Hannoverschen Allgemeinen
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