"Wir brauchen mehr Verrückte"
Neue Ideen braucht das Land. Aber die kleinen Erfinder werden noch immer wie Stiefkinder behandelt. Von Unternehmen und Banken im Stich gelassen. Jetzt geht eine Gruppe junger Hamburger in die Offensive.
Von CARSTEN LILGE
"Der hier ist der Erfinder des Ein-Liter-Motors." So stellt Thomas Hildebrandt
seinen Freund Michael Roza vor. Hildebrandt und Roza sind die Initiatoren
der ersten Hamburger Erfindermesse (HEM). Sie soll vom 21. bis 24. Mai
"dem kleinen Erfinder ein Schaufenster bieten, damit er seine Neuheiten
einem breiten Publikum präsentieren kann". Das Büro der HEM im
zweiten Stock der Pahl-Werft im Hamburger Stadtteil Finkenwerder ist mit
Computern, Fax und einem elegant geschwungenen riesigen Schreibtisch ausgestattet.
Hier sitzen Hildebrandt, Roza und ihre vier Mitstreiter von der HEM um
einen großen runden Tisch.
Die Gesprächsrunde hat beinahe etwas Privates, nichts Geschäftsmäßiges.
Alle sechs sind, sowohl von ihrem Äußeren als auch von ihrem
Auftreten, keine stromlinienförmigen Erfolgsmenschen, sondern eigenwillige
Persönlichkeiten. Damit passen sie ganz in Hildebrandts Definition
des kleinen Erfinders: "Ein sehr kreativer, oft hyperaktiver Mensch. Solche
Leute lassen sich, das weißauch die Wissenschaft, nur schwer in übliche
gesellschaftliche Bahnen wie die gängigen Arbeitsprozesse eingliedern."
Also alles kleine Daniel Düsentriebs? "Klingt zu niedlich", wehrt
Hildebrandt ab.
Die Erfinder wollen ernst genommen werden. Das fällt zuweilen
schwer, denn manches, was sie sagen, klingt so abgehoben und weltfremd.
"Patente sind nur wichtig, wenn man etwas auf die breite Masse umsetzen
will. Mir geht es ums Ideelle; ich will sehen, daß es funktioniert
und daß ich es alleine gemacht habe. Mein Ziel ist es, mir zu beweisen,
daßetwas möglich ist, wovon andere sagen, das geht nicht", sagt
der gelernte Maschinenbauer Michael Roza ( 32). Der verheiratete Vater
einer neunzehn Monate alten Tochter hat dafür ein gutes Vorbild: Leonardo
da Vinci (1452- 1519). "Der hat schon vor Hunderten von Jahren Dinge geplant,
die erst heute umgesetzt werden." Roza bastelt an einem Funktionsmodell
seines Ein-Liter-Motors, mit dem "jedes explosive Gas dazu benutzt werden
kann, um einen Rundkolbenmotor anzutreiben". Das Teil wird auf der Messe
ausgestellt.Der Maschinenbauer glaubt, das Gerät in einem halben Jahr
serienreif bauen zu können.
Dazu allerdings bräuchte Roza, der sich eher als Tüftler
denn als Geschäftsmann sieht, einige Millionen Mark. Und da wird es
schwierig für "kleine Erfinder", weiß Thomas Hildebrandt aus
eigener Erfahrung. Seine Erfindung ist die "erste kabellos gesteuerte Unterwasserkamera
der Welt". Als der 37jährige gelernte Kindergärtner Hildebrandt
vor sieben Jahren begann, seine Idee zu verwirklichen, traf er bei mehreren
Firmen auf Unwillen. Die großen Unternehmen in Deutschland seien
schwer dazu zu kriegen, in Neues zu investieren. "Die Industrie fragt gleich
nach Serientauglichkeit." Also mußte alles selbst gemacht werden,
auch die Finanzierung. Banken und Staat waren wenig hilfreich. Da wundere
es ihn nicht, so Hildebrandt, "daß in Japan der typische Jungunternehmer
21 Jahre alt ist, in Deutschland dagegen 36 Jahre". Eine Erfolgsgeschichte
wie die von Bill Gates, der mit Hilfe privater Geldgeber in einer Garage
angefangen hat, wäre in Deutschland kaum möglich.
Selbst finanziert - weil Unterstützung fehlt
Ihre Tauglichkeit und Rentabilität hat Hildebrandts Kamera inzwischen
bewiesen. Im vergangenen Jahr absolvierte das Gerät 64 Tauchgänge.
Auch die waren selbst finanziert, aber die dabei gewonnenen Aufnahmen konnten
an Fernsehanstalten verkauft werden. Unterstützung fand Hildebrandt
vor allem bei seiner Lebensgefährtin, der Krankenschwester Brunhilde
Müller (32). Wie sie sagt, "keine Erfinderin", aber jetzt auch im
Büro der HEM dabei, ebenso wie Gunnar Langenbruch (34). Der EDV-Fachmann
hat bei Reitturnieren Erfahrung im Ausrichten großer Veranstaltungen
gesammelt und ist für die Organisation zuständig: "Wir hoffen,
daßdie HEM zur ständigen Einrichtung wird." Die Chancen dafür
stehen recht gut. Die HEM, anfangs eine Privatinitiative, wird inzwischen
vom Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft, Forschung und Technologie,
dem Deutschen Patentamt und dem Deutschen Institut der Wirtschaft unterstützt.
Auch "Jugend forscht" wird auf der Messe vertreten sein, die in den Räumen
von BMW B&K; in der Buxtehuder Straße 112 stattfinden wird. Den
ersten Preis in Höhe von zehntausend Mark haben die Veranstalter selbst
finanziert, den zweiten Preis stiftet der Hauptsponsor BP, deren Marketingleiter
Markus Graw ist Vorsitzender der Jury. Die Preise werden vor Beginn der
Messe vergeben; die ersten zehn Gewinner erhalten einen Gratisstand.
Politik und Wirtschaft haben das Potential der "kleinen Erfinder" noch
immer nicht erkannt. Zwar schreibt heute jede Partei "Innovation" groß
auf ihre Wahlplakate. Aber der Etat des Bundesministeriums für Bildung,
Wissenschaft, Forschung und Technologie ist mit 14,8 Milliarden klein,
wenn man ihn an den Kosten von Forschung und Entwicklung mißt. Und
gefördert werden eher arrivierte Techniken, Firmen und Institute als
"kleine Erfinder". Immerhin gibt es seit 1995 das vom Ministerium geförderte
Projekt INSTI - "Innovationsstimulierung der deutschen Wirtschaft durch
wissenschaftlich-technische Information". Hinter dem Wortungetüm verbirgt
sich ein bundesweites Netzwerk von regionalen Anlaufstellen, bei denen
es Informationen zu Patenten gibt, insbesondere zur Rechtslage, aber auch
Zugriff auf wissenschaftlich-technische Datenbanken ist dort zu bekommen.
Damit können beispielsweise Doppelentwicklungen vermieden werden,
gerade für kleine Erfinder mit ihren begrenzten finanziellen Mitteln
eine wichtige Information. Aber auch für Firmen sind diese Informationen
wichtig. Denn, so Stefan Behrendt, in Deutschland werden jährlich
mehr als zwanzig Milliarden Mark für schon gemachte Erfindungen ausgegeben.
Behrendt (33) ist gelernter Textilkaufmann, sattelte jedoch auf Designer
um. Er ist vor allem auf dem Gebiet "exklusiver Wohnungseinrichtungen sowie
Diskotheken- und Fotostudiogestaltung" aktiv. Seit einiger Zeit arbeitet
er auch mit der fernöstlichen Harmonielehre Feng Shui, ohne die beispielsweise
in Hongkong kein Haus gebaut wird. So setzte er dem Ex-HSV-Präsidenten
und STATT-Partei-Vorsitzenden Jürgen Hunke einen 42-Tonnen-Basaltfelsen
in den Garten seiner Villa am Timmendorfer Strand.
Netzwerke bieten auch kostenlose Beratung
Behrendt ist auch Erfinder der Trockenwaschkugel, für die er gerade
das Europapatent anmeldet. Mit ihrer Hilfe soll es möglich sein, in
der Waschmaschine beispielsweise nur den befleckten Ärmel einer Jacke
zu waschen, während der Rest trocken bleibt. Behrendt arbeitet viel
mit Andre Kurzynsky (31) zusammen. Kurzynsky sieht sich nicht als Erfinder,
sondern setzt die Ideen anderer in die Praxis um. Er ist von Beruf Tischler,
und passend dazu ist seine Lieblingserfindung der Elektrohobel. Die HEM-Ausrichter
wollen im Rahmen des INSTI-Netzwerks einen Club gründen und anderen
Erfindern ihre Werkstatt zur Verfügung stellen. Weitere Anlaufstelle
für INSTI-Interessierte in Hamburg ist das der Handelskammer angegliederte
Innovations- und Patent-Centrum (IPC), wo es kostenlose Beratung durch
einen Patentanwalt gibt. Die hält Thomas Hildebrandt auch für
nötig, denn es sei "ein Hobby der Industrie, die kleinen ideenreichen
Menschen zu greifen und ihnen Versprechungen zu machen. Meist werden ihnen
kleinere Summen bis zehntausend Mark zugeschustert und dafür die Vertriebsrechte
gekauft. Dann läßt man den kleinen Erfinder weiterbrüten,
ohne selbst etwas zu investieren, und kauft anschließend für
einen Spottpreis - den der Erfinder akzeptiert, weil er in Geldnot ist
- die komplette Idee. Dabei kommt der kleine Erfinder zu kurz, denn von
dem Millionengewinn sieht er nichts. Wir, die HEM, wollen uns auf die Fahnen
schreiben: Die kleinen Erfinder sind die Leute mit den Ideen, und sie sollen
auch die sein, die damit richtig Geld verdienen."
Immerhin hat die HEM mit Firmen wie BP ernstzunehmende Sponsoren gefunden.
Die BP engagiert sich, so Markus Graw, weil "hier Leute unterstützt
werden, die keine großen Unternehmen im Rücken haben, also der
Erfinder von nebenan. Innovationen und Kreativität sind lebensnotwendig
für unsere Wirtschaft und die einzelnen Unternehmen." Anders formuliert
es Stefan Behrendt: "Wir brauchen mehr Verrückte, denn wir sehen ja,
wohin uns die Normalen gebracht haben."
Anmeldungen für die erste Hamburger Erfinder-Messe sind bis zum 15. April '98 möglich; Infos unter Telefon 74 21 28 92. © Hamburger Abendblatt 23.3.1998
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