Dies ist eine Reportage über eine ungewöhnliche Initiative von Hamburger Erfindern, entstanden während eines Praktikums beim Hamburger Abendblatt, für das ich seit 1994 als freier Mitarbeiter schreibe. Zuerst sehen Sie einen Ausschnitt der Titelseite vom Montag, dem 23. März 1998, wo der Artikel angekündigt war, darunter den Artikel selbst.

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Artikel Erfinder

"Wir brauchen mehr Verrückte"

Neue Ideen braucht das Land. Aber die kleinen Erfinder werden noch immer wie Stiefkinder behandelt. Von Unternehmen und Banken im Stich gelassen. Jetzt geht eine Gruppe junger Hamburger in die Offensive.

Von CARSTEN LILGE

"Der hier ist der Erfinder des Ein-Liter-Motors." So stellt Thomas Hildebrandt seinen Freund Michael Roza vor. Hildebrandt und Roza sind die Initiatoren der ersten Hamburger Erfindermesse (HEM). Sie soll vom 21. bis 24. Mai "dem kleinen Erfinder ein Schaufenster bieten, damit er seine Neuheiten einem breiten Publikum präsentieren kann". Das Büro der HEM im zweiten Stock der Pahl-Werft im Hamburger Stadtteil Finkenwerder ist mit Computern, Fax und einem elegant geschwungenen riesigen Schreibtisch ausgestattet. Hier sitzen Hildebrandt, Roza und ihre vier Mitstreiter von der HEM um einen großen runden Tisch.
Die Gesprächsrunde hat beinahe etwas Privates, nichts Geschäftsmäßiges. Alle sechs sind, sowohl von ihrem Äußeren als auch von ihrem Auftreten, keine stromlinienförmigen Erfolgsmenschen, sondern eigenwillige Persönlichkeiten. Damit passen sie ganz in Hildebrandts Definition des kleinen Erfinders: "Ein sehr kreativer, oft hyperaktiver Mensch. Solche Leute lassen sich, das weißauch die Wissenschaft, nur schwer in übliche gesellschaftliche Bahnen wie die gängigen Arbeitsprozesse eingliedern." Also alles kleine Daniel Düsentriebs? "Klingt zu niedlich", wehrt Hildebrandt ab.
Die Erfinder wollen ernst genommen werden. Das fällt zuweilen schwer, denn manches, was sie sagen, klingt so abgehoben und weltfremd. "Patente sind nur wichtig, wenn man etwas auf die breite Masse umsetzen will. Mir geht es ums Ideelle; ich will sehen, daß es funktioniert und daß ich es alleine gemacht habe. Mein Ziel ist es, mir zu beweisen, daßetwas möglich ist, wovon andere sagen, das geht nicht", sagt der gelernte Maschinenbauer Michael Roza ( 32). Der verheiratete Vater einer neunzehn Monate alten Tochter hat dafür ein gutes Vorbild: Leonardo da Vinci (1452- 1519). "Der hat schon vor Hunderten von Jahren Dinge geplant, die erst heute umgesetzt werden." Roza bastelt an einem Funktionsmodell seines Ein-Liter-Motors, mit dem "jedes explosive Gas dazu benutzt werden kann, um einen Rundkolbenmotor anzutreiben". Das Teil wird auf der Messe ausgestellt.Der Maschinenbauer glaubt, das Gerät in einem halben Jahr serienreif bauen zu können.
Dazu allerdings bräuchte Roza, der sich eher als Tüftler denn als Geschäftsmann sieht, einige Millionen Mark. Und da wird es schwierig für "kleine Erfinder", weiß Thomas Hildebrandt aus eigener Erfahrung. Seine Erfindung ist die "erste kabellos gesteuerte Unterwasserkamera der Welt". Als der 37jährige gelernte Kindergärtner Hildebrandt vor sieben Jahren begann, seine Idee zu verwirklichen, traf er bei mehreren Firmen auf Unwillen. Die großen Unternehmen in Deutschland seien schwer dazu zu kriegen, in Neues zu investieren. "Die Industrie fragt gleich nach Serientauglichkeit." Also mußte alles selbst gemacht werden, auch die Finanzierung. Banken und Staat waren wenig hilfreich. Da wundere es ihn nicht, so Hildebrandt, "daß in Japan der typische Jungunternehmer 21 Jahre alt ist, in Deutschland dagegen 36 Jahre". Eine Erfolgsgeschichte wie die von Bill Gates, der mit Hilfe privater Geldgeber in einer Garage angefangen hat, wäre in Deutschland kaum möglich.

Selbst finanziert - weil Unterstützung fehlt

Ihre Tauglichkeit und Rentabilität hat Hildebrandts Kamera inzwischen bewiesen. Im vergangenen Jahr absolvierte das Gerät 64 Tauchgänge. Auch die waren selbst finanziert, aber die dabei gewonnenen Aufnahmen konnten an Fernsehanstalten verkauft werden. Unterstützung fand Hildebrandt vor allem bei seiner Lebensgefährtin, der Krankenschwester Brunhilde Müller (32). Wie sie sagt, "keine Erfinderin", aber jetzt auch im Büro der HEM dabei, ebenso wie Gunnar Langenbruch (34). Der EDV-Fachmann hat bei Reitturnieren Erfahrung im Ausrichten großer Veranstaltungen gesammelt und ist für die Organisation zuständig: "Wir hoffen, daßdie HEM zur ständigen Einrichtung wird." Die Chancen dafür stehen recht gut. Die HEM, anfangs eine Privatinitiative, wird inzwischen vom Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft, Forschung und Technologie, dem Deutschen Patentamt und dem Deutschen Institut der Wirtschaft unterstützt. Auch "Jugend forscht" wird auf der Messe vertreten sein, die in den Räumen von BMW B&K; in der Buxtehuder Straße 112 stattfinden wird. Den ersten Preis in Höhe von zehntausend Mark haben die Veranstalter selbst finanziert, den zweiten Preis stiftet der Hauptsponsor BP, deren Marketingleiter Markus Graw ist Vorsitzender der Jury. Die Preise werden vor Beginn der Messe vergeben; die ersten zehn Gewinner erhalten einen Gratisstand.
Politik und Wirtschaft haben das Potential der "kleinen Erfinder" noch immer nicht erkannt. Zwar schreibt heute jede Partei "Innovation" groß auf ihre Wahlplakate. Aber der Etat des Bundesministeriums für Bildung, Wissenschaft, Forschung und Technologie ist mit 14,8 Milliarden klein, wenn man ihn an den Kosten von Forschung und Entwicklung mißt. Und gefördert werden eher arrivierte Techniken, Firmen und Institute als "kleine Erfinder". Immerhin gibt es seit 1995 das vom Ministerium geförderte Projekt INSTI - "Innovationsstimulierung der deutschen Wirtschaft durch wissenschaftlich-technische Information". Hinter dem Wortungetüm verbirgt sich ein bundesweites Netzwerk von regionalen Anlaufstellen, bei denen es Informationen zu Patenten gibt, insbesondere zur Rechtslage, aber auch Zugriff auf wissenschaftlich-technische Datenbanken ist dort zu bekommen. Damit können beispielsweise Doppelentwicklungen vermieden werden, gerade für kleine Erfinder mit ihren begrenzten finanziellen Mitteln eine wichtige Information. Aber auch für Firmen sind diese Informationen wichtig. Denn, so Stefan Behrendt, in Deutschland werden jährlich mehr als zwanzig Milliarden Mark für schon gemachte Erfindungen ausgegeben. Behrendt (33) ist gelernter Textilkaufmann, sattelte jedoch auf Designer um. Er ist vor allem auf dem Gebiet "exklusiver Wohnungseinrichtungen sowie Diskotheken- und Fotostudiogestaltung" aktiv. Seit einiger Zeit arbeitet er auch mit der fernöstlichen Harmonielehre Feng Shui, ohne die beispielsweise in Hongkong kein Haus gebaut wird. So setzte er dem Ex-HSV-Präsidenten und STATT-Partei-Vorsitzenden Jürgen Hunke einen 42-Tonnen-Basaltfelsen in den Garten seiner Villa am Timmendorfer Strand.

Netzwerke bieten auch kostenlose Beratung

Behrendt ist auch Erfinder der Trockenwaschkugel, für die er gerade das Europapatent anmeldet. Mit ihrer Hilfe soll es möglich sein, in der Waschmaschine beispielsweise nur den befleckten Ärmel einer Jacke zu waschen, während der Rest trocken bleibt. Behrendt arbeitet viel mit Andre Kurzynsky (31) zusammen. Kurzynsky sieht sich nicht als Erfinder, sondern setzt die Ideen anderer in die Praxis um. Er ist von Beruf Tischler, und passend dazu ist seine Lieblingserfindung der Elektrohobel. Die HEM-Ausrichter wollen im Rahmen des INSTI-Netzwerks einen Club gründen und anderen Erfindern ihre Werkstatt zur Verfügung stellen. Weitere Anlaufstelle für INSTI-Interessierte in Hamburg ist das der Handelskammer angegliederte Innovations- und Patent-Centrum (IPC), wo es kostenlose Beratung durch einen Patentanwalt gibt. Die hält Thomas Hildebrandt auch für nötig, denn es sei "ein Hobby der Industrie, die kleinen ideenreichen Menschen zu greifen und ihnen Versprechungen zu machen. Meist werden ihnen kleinere Summen bis zehntausend Mark zugeschustert und dafür die Vertriebsrechte gekauft. Dann läßt man den kleinen Erfinder weiterbrüten, ohne selbst etwas zu investieren, und kauft anschließend für einen Spottpreis - den der Erfinder akzeptiert, weil er in Geldnot ist - die komplette Idee. Dabei kommt der kleine Erfinder zu kurz, denn von dem Millionengewinn sieht er nichts. Wir, die HEM, wollen uns auf die Fahnen schreiben: Die kleinen Erfinder sind die Leute mit den Ideen, und sie sollen auch die sein, die damit richtig Geld verdienen."
Immerhin hat die HEM mit Firmen wie BP ernstzunehmende Sponsoren gefunden. Die BP engagiert sich, so Markus Graw, weil "hier Leute unterstützt werden, die keine großen Unternehmen im Rücken haben, also der Erfinder von nebenan. Innovationen und Kreativität sind lebensnotwendig für unsere Wirtschaft und die einzelnen Unternehmen." Anders formuliert es Stefan Behrendt: "Wir brauchen mehr Verrückte, denn wir sehen ja, wohin uns die Normalen gebracht haben."

Anmeldungen für die erste Hamburger Erfinder-Messe sind bis zum 15. April '98 möglich; Infos unter Telefon 74 21 28 92. © Hamburger Abendblatt 23.3.1998

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