Bücher von Carsten Lilge

Sie finden hier einen Auszug aus meinem Buch Die Entstehung der Oder-Neiße-Linie.



Hier finden Sie das Fazit aus meinem Buch: Die Entstehung der Oder-Neiße-Linie als Nebenprodukt alliierter Großmachtpolitik während des Zweiten Weltkrieges.

Es basierte auf meiner Magisterarbeit, erschien 1995 und ist inzwischen vergriffen.


Fazit

Wann fiel die Entscheidung über die Oder-Neiße-Linie? Man kann sagen, das sei eine einfach zu beantwortende Frage: Es geschah am 31.Juli in Potsdam während der Sitzung der Regierungschefs. Damit hätte man recht und unrecht, denn hier fiel die formaljuristische Entscheidung, die Oder-Neiße-Linie zur international anerkannten Grenze polnischer Verwaltungshoheit zu machen. Alle Beteiligten erwarteten, daß bei der geplanten Friedenskonferenz diese "Linie" als offizielle Staatsgrenze festgelegt werden würde. Jedoch die in den nächsten Monaten einsetzenden Konfrontation des Kalten Krieges verhinderte diese Festlegung. Insofern haben jene recht, die von einer einvernehmlichen Regelung sprechen, denn im Sommer 1945 wollte keiner der Alliierten etwas ändern.
Soweit wäre das richtig, aber fiel die Entscheidung wirklich in Potsdam? Genau betrachtet war es nur die Sanktionierung einer von Stalin schon Anfang 1944 gefällten Entscheidung, über die der Westen planmäßig getäuscht wurde. Nicht nur, daß Stalin seine Alliierten fast ein Jahr lang nicht über seine neuen Pläne informierte, ja er führte sie sogar gezielt in die Irre. Sowohl die Kartenübergabe vom Januar 1944 als auch der Vertrag vom Juli wurden geheimgehalten, und noch im Oktober `44 sprach Stalin sich gegenüber Churchill erneut für die Teheraner Regelung aus. In Potsdam dann stimmten die Westmächte den von Stalin eigenmächtig geschaffenen Tatsachen aus zwei Gründen zu. Zum einen hatten sie 1945 keine Möglichkeit, noch etwas an den Fakten zu ändern. Zum anderen war ihnen der genaue Grenzverlauf letztlich nicht so wichtig. Sie hatten sich in Jalta dieser Grenzziehung vor allem entgegengestellt, weil sie den Kommunisten nicht so viel Land zugestehen wollten, wie sie einer demokratischen Regierung in Polen zuzugestehen bereit gewesen wären. Daran hatte sich bis zur Potsdamer Konferenz nichts geändert. Aber sie sahen keine Chance, in Polen etwas zu ändern, ja hofften mit unglaublicher Ignoranz der Fakten wirklich noch auf eine demokratische Entwicklung. Stalin kannte die ablehnende Position des Westens zu dieser Grenzziehung. Die Westmächte konnten sich denken, daß Stalin sich darüber klar war, daß ihre Zustimmung nicht ohne Gegenleistung zu haben sein würde. So nutzten die Westmächte die Chance, für ihre Zustimmung zu diesem Grenzverlauf eine Änderung bei den Reparationen einzuhandeln. Damit erreichte der Westen bei den Reparationen ein ihm mehr entgegenkommendes Ergebnis, während Stalin seine Forderung nach der Oder-Neiße-Linie erfüllt bekam. Beide Seiten hatten gegeben und genommen. Dennoch scheint es mir nicht richtig, dies als einvernehmliche Lösung zu sehen.
Stalin hatte im Frühjahr 1945, ohne den Westen zu konsultieren, Fakten geschaffen, die gegen seinen Willen nicht rückgängig zu machen waren. Er hatte das getan, da er sich schon 1944 gegenüber den polnischen Kommunisten zuerst informell und dann vertraglich verpflichtet hatte, sich für diese Grenzziehung einzusetzen. Genau genommen tat er es jedoch nicht wegen der vertraglichen Verpflichtung, denn wie Stalin mit Verträgen umzugehen pflegte, wenn sie ihm nicht genehm waren, hatte er 1939 gerade gegenüber Polen bewiesen. Er sorgte für diese Grenzziehung, weil er die Umwandlung Polens in einen kommunistischen Staat plante. Dazu aber gehörte auch, daß dieses Polen für seine Gebietsverluste an die UdSSR durch deutsches Gebiet entschädigt wurde. Denn Stalin war sich im Klaren, daß der große Gebietsverlust ausgeglichen werden mußte. Selbst wenn er nicht glaubte, damit das polnische Volk gewinnen zu können, so konnte es doch nichts schaden, wenigstens seine von ihm an die Macht gehievten Bundesgenossen günstig zu stimmen. Darüber hinaus schwächte er auf diese Weise Deutschland, weckte dessen Revanchegelüste und band die Polen damit noch enger an sich.
Ursache für diese Vorgehensweise waren die Stalinschen Expansionswünsche, die er zuerst gemeinsam mit Hitler zu verwirklichen suchte. Das gelang ihm 1939 mit dem Hitler/Stalin-Pakt zunächst auch. Doch damit hatte er seinen erbittertsten Gegner direkt an seine Grenzen geholt. Hitler nutzte denn auch die aus seiner Sicht günstige Position für einen Angriff. Damit aber schuf er die Voraussetzungen für die Westverschiebung der deutsch/polnischen Grenze. Zum einen hatte Hitler durch seinen Angriff auf Polen die Rechtsposition des Deutschen Reichs betreffs der Versailler Grenzen aufgegeben und sich im Westen aller Unterstützung für diese Position beraubt. Viel wichtiger als das Aufgeben dieser Rechtsposition aber war, daß Hitler nun zusätzlich zu seinen sonstigen Gegnern auch noch die UdSSR angriff, die ihn mit westlicher Unterstützung schließlich in die Knie zwang. Mit diesem Angriff gab Hitler Stalin die Gelegenheit, im Falle einer deutschen Niederlage die sowjetische Macht bis tief nach Mitteleuropa auszuweiten. Genau das tat Stalin, wobei er von Beginn des Krieges an darauf bedacht war, an seinen vorher im Verein mit Hitler gemachten Eroberungen festzuhalten. Das zeigt sich am besten daran, daß er sie von seinen neuen Alliierten zu der Zeit bestätigt bekommen wollte, als die deutschen Panzer noch kurz vor Moskau standen.
Da Stalin an diesen Eroberungen festhalten wollte, es aber eine mit Großbritannien verbündete polnische Exilregierung gab, mußte er sowohl ihr als auch den Briten, für die der deutsche Angriff auf Polen Kriegsgrund gewesen war, ein Stück entgegenkommen. Dazu diente das 1941 ins Gespräch gebrachte Angebot einer Kompensation des neu zu errichtenden Staates Polen durch deutsche Gebiete. Dabei spielten vielleicht schon Pläne für ein kommunistisches Polen eine Rolle. Zumindest scheint Stalin diese Möglichkeit eingeplant zu haben, wenn er vielleicht auch damals noch nicht glaubte, daß dieses Ziel erreichbar sei. Die Kompensationsidee verband Stalins Pläne für die sowjetisch/polnische Grenze mit seinem Konzept für die polnisch/deutsche Grenze. Dabei war letzteres variabel und hing von mehreren Umständen ab, wie z.B. der staatlichen Gestalt Polens, kommunistisch oder bürgerlich, wobei die Kompensation ein auf beide Möglichkeiten anwendbares Konzept war. Welches verwirklicht wurde, hing vor allem von den für Stalin erreichbaren realen Machtpositionen ab, einfacher gesagt von der Stellung der Roten Armee.
Stalin arbeitete im Hinblick auf Polen an drei Zielen. Das erste war die Anerkennung der Übernahme der ostpolnischen Gebiete durch die UdSSR entsprechend den Vereinbarungen, die Stalin mit Hitler getroffen hatte. Das wurde vom Westen in Teheran informell gebilligt, die offizielle Sanktionierung erfolgte in Jalta. Die Verschiebung dieser Sanktionierung war vor allem durch das Festhalten des Westens an der polnischen Exilregierung verursacht, die sich einer Abtretung polnischen Gebiets an die UdSSR verweigert hatte. Das war auch Stalin klar, und so hatte er, neben seinem zweiten Ziel, dem Wunsch nach einem kommunistischen Polen, einen weiteren Grund, gegen die Exilregierung zu kämpfen.
Dieser Kampf ging über mehrere Runden, wobei die Exilregierung oft sehr unglücklich agierte und reagierte. Teilweise geschah dies gezwungenermaßen, da sie keine wirkliche eigene Macht besaß. Zum anderen Teil aber aus falscher Einschätzung der Lage, die manchmal auch durch einen Mangel an Information durch ihre westlichen Alliierten, häufig aber durch einfache politische Blindheit begründet war. Die Exilregierung wurde dabei von ihren westlichen Alliierten von Anfang an nicht besonders, und nach und nach immer weniger wichtig genommen, und dementsprechend wurde sie auch immer weniger unterstützt. Der Kampf Stalins gegen die Exilregierung begann 1941 mit den Verhandlungen über den sowjetisch/polnischen Vertrag, wobei Stalin zum ersten Mal bemerkt haben muß, daß die Briten der UdSSR weit entgegenzukommen bereit waren. Dieser Eindruck verstärkte sich durch die Mission Beaverbrooks und Harrimans und festigte sich 1942 während der Verhandlungen über den britisch/sowjetischen Vertrag. Stalin sah, daß die Briten nicht gewillt waren, die Exilregierung soweit zu unterstützen, daß es darüber zu einem Bruch mit der UdSSR kommen würde. Stalins anderer, wichtigerer Alliierter, die USA, hatten zwar die Polen zu dieser Zeit kräftig unterstützt, doch waren sie zu gleicher Zeit der UdSSR mit dem Versprechen für eine zweite Front und Wirtschaftshilfe ein gutes Stück entgegengekommen.
Stalin arbeitete nun vor allem daran, die Exilregierung der Unterstützung durch den Westen zu berauben. Dabei griff er vor allem zu den Mitteln der Propaganda und wurde durch die amerikanische Presse dabei in einzigartiger Weise unterstützt. Gleichzeitig versuchte er, die Exilregierung ihrer realen Macht zu berauben, indem er den Aufbau der polnischen Armee auf russischem Boden stoppte und ihre Verbände evakuieren ließ. Damit hatte die Exilregierung keine militärische Macht in der Nähe ihres Landes, abgesehen von der Untergrundarmee, deren militärische Kapazitäten jedoch nicht groß waren. Ihrer entledigte Stalin sich während der Eroberung Polens zum einen selbst, zum anderen Teil überließ er die Arbeit den Deutschen.
Bereits Anfang 1943, nach dem Sieg bei Stalingrad, ging Stalin auf offenen Konfrontationskurs gegenüber der Exilregierung, der zum Abbruch der Beziehungen führte, wobei es für ihn günstig war, daß er die Schuld auf die Exilregierung schieben konnte. Die in der Folgezeit nur noch halbherzige Unterstützung des Westens für die Exilregierung kam Stalin sehr entgegen. Die Gründe dafür lagen sicher in den militärischen Überlegungen der Westmächte, die den Wert der Sowjettruppen vor allem seit Stalingrad zu schätzen gelernt hatten. Darüber hinaus waren die USA gewillt, der UdSSR in Europa großen Einfluß zuzubilligen, weshalb sie sich den sowjetischen Ausdehnungswünschen nicht mehr so entgegenstellten, wie sie das noch Anfang 1942 getan hatten. Deshalb bekam Stalin schon in Teheran die Zusicherung, daß seine Wünsche nach den polnischen Gebieten anerkannt würden, wenn er auch kleine Abstriche hinnehmen mußte, da der Westen ihm nicht die Ribbentrop-Molotow-Linie zugestand. Während des Jahres 1944 gelang es Stalin dann, die Exilregierung vollends der westlichen Unterstützung zu berauben, wobei ihm deren Hartnäckigkeit in der Grenzfrage in die Hände spielte.
Kaum war dieses Ziel erreicht, zeigte Stalin offen, was schon 1943 erkennbar war, nämlich daß er eine Regierung nach seinen Wünschen einsetzen wollte. Gleichzeitig machte er seine seit Anfang 1944 bestehenden Pläne für die polnisch/deutsche Grenze öffentlich, die er bis dahin aus guten Gründen geheim gehalten hatte. Dabei ist es gut möglich, daß Stalin seine Forderungen bis an die Oder-Neiße-Linie ausweitete, weil er den Eindruck gewonnen hatte, daß der Westen einer solchen Grenzziehung nicht ablehnend gegenüberstand. Es ging nun darum, sowohl für die Regierung, wie für die neue polnisch/deutsche Grenze, die Stalins drittes Ziel war, die Zustimmung des Westens zu erhalten.
Es mag in dieser Darstellung so erscheinen, als sei das alles von vornherein genau geplant gewesen. Einzelne Schritte in Stalins Vorgehen aber wurden von der Situation bestimmt, und fest standen wohl nur wichtige Ziele, wie die Grenze der UdSSR zu Polen. Teilweise aber scheinen sogar wichtige Ziele variabel gewesen zu sein, wie sich an der Frage der polnischen Regierung zeigt, in der Stalin möglicherweise nicht von Anfang an auf eine kommunistische Lösung festgelegt war. Ganz offensichtlich variabel war Stalins Planung für den Verlauf der polnisch/deutschen Grenze. Noch in Potsdam war er in dieser Frage flexibel. Dabei fiel ihm das sicher leicht, denn die polnisch/deutsche Grenze war in der Rangfolge seiner Ziele das am wenigsten wichtige, so wie auch der Westen dem genauen Verlauf der polnisch/deutschen Grenze kaum Bedeutung beimaß. Diese Grenze war für die westlichen Politiker anfangs ein Beschwichtigungsobjekt für die Polen, und später ein Handelsobjekt gegenüber Stalin. Ansonsten hatte sie weder für die Briten, und noch weniger für die Amerikaner eine entscheidende Bedeutung.
In Jalta erhielt Stalin die Zustimmung des Westens zur polnisch/sowjetischen Grenze, die nur noch eine Formsache war. Doch traf er auf Widerstand betreffs der Regierung und der polnisch/deutschen Grenze. Stalin jedoch wußte ihn zu brechen. In der Regierungsfrage setzte er auf Zermürbungstaktik und falsche Versprechungen. Zu zählen, wie oft Stalin versprochen hat, er beabsichtige nicht, Polen zum kommunistischen Staat zu machen, wäre ein zeitaufwendiges Unternehmen. In der Grenzfrage hielt er sich an die Taktik der faits accomplis, wobei auch hier die Lüge nicht zu kurz kam, denn Stalin behauptete, die Übernahme der Verwaltung der Gebiete bis zur Oder-Neiße-Linie durch die Polen habe nichts mit der Festlegung der Grenze zu tun. In Potsdam blieb dem Westen kaum etwas anderes übrig, als das zu tun, was er tat. Zustimmen, aber dafür etwas einhandeln. Ob man das wirklich eine einvernehmliche Regelung nennen darf, halte ich für fraglich.
Die Oder-Neiße-Linie war das Ergebnis der Machtpolitik Stalins, die er ohne Skrupel durchsetzte. Wenn er sich in seinen Mitteln einmal zurückhielt, dann nicht wegen moralischer, sondern wegen taktischer Bedenken. Dabei kam ihm die entgegenkommende Haltung des Westens, vor allem der USA, sehr gelegen. Der Westen war Stalins Wünschen nicht entgegengetreten, als sie erkennbar waren. Als man sich zum Gegensteuern entschloß, war es zu spät. Es blieb nur noch die Anerkennung der Fakten, die von Stalin in einem Lehrstück der Machtpolitik geschaffen worden waren. Deshalb halte ich es für berechtigt, die Oder-Neiße-Linie ein Stalinsches Diktat zu nennen.
Soll man aber deshalb sagen, diese Grenzziehung müßte rückgängig gemacht werden? Sicher nicht, denn wenn Stalin diese Grenze diktierte und der Westen Fehler beging, so ist das längst kein Grund für eine Änderung. Auch halte ich es nicht für angebracht, die vermeintliche Ungerechtigkeit dieser Entscheidung ins Feld zu führen. Damit gerät man sofort in die Diskussion, ob die Deutschen das nicht verdient hatten. Diese Diskussion ist fruchtlos, weil man weder die Geschichte korrigieren, noch ein Unrecht gegen ein anderes aufrechnen, geschweige denn ein Unrecht durch ein anderes aus der Welt schaffen kann. Und eine Revision in unserer Zeit schüfe auf jeden Fall neues Unrecht, so sie nicht von den jetzigen Bewohnern der Gebiete gewünscht und beschlossen würde. Denn sie sind die einzigen, die ein Recht auf diese Gebiete haben und nicht irgendeine Regierung, noch viel weniger deutsche Vertriebenenverbände. Nun kann man sagen, daß die Vertriebenenverbände die ehemaligen Bewohner dieser Gebiete vertreten, die damals ein Recht auf ihre Heimat hatten, das nicht beachtet wurde. Aber so verständlich das Unrechtsgefühl eines jeden einzelnen Vertriebenen ist, so muß man doch fragen, ob sie dieses Recht wirklich hatten, oder ob sie nicht als Deutsche keinen Anspruch mehr hatten, sich auf das Recht zu berufen. Denn nicht nur Hitler, sondern die deutsche Nation als Ganzes hatte im Zweiten Weltkrieg die Rechte anderer Völker mißachtet, insbesondere der Polen. Damit hatten die Deutschen ihren Anspruch verwirkt, sich auf irgendein Recht zu berufen. Sie hatten sich so, im Falle der Niederlage, auf Gnade und Ungnade den Siegern ausgeliefert. Insofern kann von einem rechtmäßigen Anspruch der deutschen Nation oder eines einzelnen Deutschen auf diese Gebiete schwerlich die Rede sein.
Will man trotzdem darauf beharren, hier sei ein Unrecht geschehen, das wieder gutgemacht werden müsse, so muß man sich fragen, was die Konsequenzen wären. Eine friedliche Änderung ist sehr unwahrscheinlich. Die andere Möglichkeit, das vermeintliche Unrecht aus der Welt zu schaffen, wäre Gewalt. Das führt im Extremfall zu Verhältnissen, wie sie zur Zeit da dieses Buch geschrieben wird, in Jugoslawien herrschen, insbesondere, was die sogenannten "ethnischen Säuberungen" angeht. Das ist aus so vielen Gründen abzulehnen, daß hier nur zwei genannt werden sollen. Nicht nur, daß wir damit wieder bei dem Versuch wären, geschehenes Unrecht durch neues Unrecht aus der Welt zu schaffen. Darüber hinaus muß sich jeder, der für Gewalt plädiert, im Klaren sein, daß er damit auch gegen sich selbst neue Gewalt hervorrufen kann. Das endlose Hin und Her von Rache und Vergeltung begänne von neuem. Und dies ist so unwahrscheinlich nicht, denn eine Revision der deutsch/polnischen Grenze, ob mit friedlichen oder gewaltsamen Mitteln, ja eigentlich schon allein die ernsthafte Forderung danach, hieße die Lunte an ein Pulverfaß legen. Denn das würde sofort auch die Frage nach der polnischen Ostgrenze auf die politische Tagesordnung setzen. Das aber bedeutet Konflikte mit Litauen, Weißrußland, der Ukraine und dann natürlich auch mit Rußland. Kein halbwegs vernünftiger Mensch kann das wollen.
Auch die Vertreter deutscher Vertriebenenverbände sollten sich endlich von Forderungen nach Änderung der Grenze oder auch nur dem immer wieder vorgebrachten Hinweis auf ein noch bestehendes Unrecht verabschieden. Ernst meinen können sie eine Revisionsforderung eigentlich nicht, denn dazu sind sie politisch zu vernünftig (hoffentlich!). Hinter solchen Forderungen mag denn auch eher der Glaube stehen, einen Teil ihrer Klientel beruhigen zu müssen. Eine Rolle spielt vielleicht auch, obwohl sicher niemand das zugeben würde, das politische Kalkül, bei den Anstrengungen für größere Rechte der deutschen Minderheit in Polen mit dem politischen Knüppel Revisionsforderung drohen und so mehr herausholen zu können. Aber ob nun diese beiden Beweggründe hinter solchen Forderungen stehen oder andere, das Thema Revision ist zu brisant, um es auf taktische Art zu verwenden. Auch sollte das höchst ehrenhafte Bestreben, die Lage der Deutschen in Polen zu verbessern, nicht durch den Einsatz eines so demagogischen Mittels in die rechtsextreme Ecke gedrängt werden. Denn nur aus dieser Ecke kommen heutzutage noch ernsthafte Revisionsforderungen. Und mit diesem Pack will die Mehrheit der Vertriebenen und ihre politischen Vertreter sich ganz sicher nicht gemein machen.
Nur wenn wir die Verhältnisse so nehmen, wie die unheilvollen Zeitläufte sie haben entstehen lassen, haben wir eine Chance, das Unheil in der Zukunft nicht neu hervorzurufen. Nehmen wir die Verhältnisse als Ausgangspunkt, um ein friedliches Neben- und Miteinander aufzubauen. Sie können dann auch so geändert werden, wie wir heute lebenden Menschen sie uns wünschen. In einem Europa, in dem die Grenzen ihren trennenden Charakter verlieren, lassen sich die Wünsche nach Rückkehr in die Heimat befriedigen, ohne daß dazu Grenzen verschoben werden müssen, oder jemand vertrieben oder umgebracht werden muß. Wir haben heute zwischen Deutschland und Polen einen Zustand erreicht, mit dem beide Seiten gut leben können, und wir haben die Chance und sind dabei, ihn zu verbessern. Es ist an uns, die Gespenster der Vergangenheit ruhen und uns von ihnen nicht die Zukunft zerstören zu lassen.
Das sind die Folgerungen, die ich als Historiker aus der Geschichte ziehe, sowohl aus der Geschichte der Entstehung der Oder-Neiße-Linie, als auch aus meinen sonstigen Einblicken in geschichtliche Abläufe. Die Bedeutung der Erforschung der Vergangenheit sollte nämlich nicht nur darin liegen, zu wissen, was einst geschehen ist. Auch nicht allein darin, vermeintliche Fehler und Versäumnisse aufzuhellen und Vorwürfe aus heutiger Sicht zu verteilen. Bei dem Versuch, den Ablauf vergangener Ereignisse zu klären, insbesondere die Motivationen der handelnden Personen, geht es vor allem darum, zu einer Wachsamkeit für die Gegenwart zu gelangen. Genaues Hinsehen zu lernen, bei sich selbst und bei anderen, und dies auch bei anderen wecken zu können, war der Zweck dieser Arbeit.








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